Zum ersten Mal im Leben spürte ich Einsamkeit

Schwäbische Zeitung 31.01.17

„Zum ersten Mal im Leben spürte ich Einsamkeit“

SZ-Interview mit dem Waldseer Arzt Vinzenz Mansmann über seine Haftstrafe und seine Rückkehr in den Alltag

Bad Waldsee sz Vinzenz Mansmann ist wieder auf freiem Fuß. Der Waldseer Arzt und Gründer zweier Privatkliniken hat seine Haftstrafe verbüßt, zu der ihn das Landgericht Ravensburg wegen Versicherungsbetruges Anfang 2015 verurteilte. Mitte November wurde er nach zwei Dritteln der Haftzeit aus der JVA Ravensburg entlassen. In der Gefängniszelle hat der 61-Jährige fünf Bücher geschrieben. Aus dem ersten mit dem Titel „Die Spielregeln des Planeten JVA“ liest er ab kommender Woche deutschlandweit bei Autorenlesungen. Darin schildert der Mediziner sein Leben hinter Gittern aus der Erlebnisperspektive und macht auf Defizite im Strafvollzug aufmerksam. Für die SZ sprach Sabine Ziegler mit ihm darüber.

Herr Mansmann, der Prozess gegen Sie stieß auf großes öffentliches Interesse. Wie haben Sie ihn als Angeklagter erlebt?

Der Staatsanwalt hatte eineinhalb Jahre lang ermittelt und ich saß schon neun Monate in Untersuchungshaft. Da war ich bereits „weichgeklopft“. Dass ich eine mehrjährige Gefängnisstrafe erhalten würde, war für mich deshalb schon am zweiten Verhandlungstag klar. Dass ich allerdings ein deutlich höheres Strafmaß bekommen würde als Uli Hoeneß, dessen Prozess gleichzeitig lief, war für mich doch sehr enttäuschend. Hauptanliegen von mir und meiner Frau war der Erhalt der 100 Arbeitsplätze in den Kliniken, was gelungen ist.

Sie haben gebüßt, haben Sie auch bereut?

Ja, natürlich habe ich bereut!

Wie fühlte sich der Alltag hinter Gefängnismauern für Sie an?

Das war ein Schock! Einmal in den Mauern drin, wurde ich wie eine Nummer und wie ein Verbrecher behandelt. Hier wird einem die Menschenwürde genommen: Man muss sich splitternackt ausziehen, bekommt Gefangenenkleidung und wird mit Dieben, Drogensüchtigen und Mördern in eine „Vierer-Zelle“ gesperrt, wo die ganze Nacht der Fernseher läuft. Wenig später wurde ich dann auf eine Station mit 34 Häftlingen verlegt und war dankbar dafür, eine Einzelzelle zu bekommen.

In Ihren Kliniken haben Sie Patienten in Lebenskrisen geholfen. Dann benötigten Sie plötzlich selbst eine „Burnout“-Therapie?

Die absolute Isolation vom Alltag entsprach einer erzwungenen „Burn-out“-Therapie: 21 Stunden am Tag eingesperrt auf acht Quadratmetern mit einer braunen Nische ohne Türgriff! Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich Einsamkeit. Geholfen hat mir ein strukturierter Tagesablauf mit Briefeschreiben, Meditation und viel Schlaf. Später habe ich gemalt und täglich geschrieben.

Warum sind Sie in der JVA zum Buchautor geworden?

Der Knast ist wie ein anderer Planet: unberechenbar, demütigend, erniedrigend. Das kann man sich als Außenstehender gar nicht vorstellen. 50 Prozent Ausländer aus 34 Nationen, 75 Prozent haben keinen Hauptschulabschluss. Alle schimpfen den ganzen Tag über Richter und Rechtsanwälte. In den kurzen Pausen beim Hofgang habe ich nur zwei „Kollegen“ gefunden, mit denen ich normale Gespräche führen konnte. Deshalb habe ich mit Bücherschreiben begonnen, um meine Erlebnisse zu verarbeiten.

Welche Defizite gibt es nach Ihrer Einschätzung im deutschen Strafvollzug?

Europaweit hat Deutschland laut Statistiken von Bundeskriminalamt und -ministerium der Justiz die höchste Rückfallquote von 63 Prozent – bei Jugendlichen sind es sogar 67 Prozent. Statt im Schwarzwald also ein neues Gefängnis für 500 Straftäter zu bauen, wäre das Geld sinnvoller angelegt mit der Neueinstellung von 500 Sozialarbeitern. Nach meinem Erleben muss ein Sozialarbeiter in der JVA 100 „Knackis“ betreuen, ein Psychologe sogar 150. Diese „Versorgung“ finde ich mehr als schlecht. Mein Zimmernachbar sagte zu mir: „Wenn ich wüsste, wie man ganz legal mit ,Hartz IV’ jeden Monat 930 Euro bekommen kann, dann hätte ich mir die 500 Euro zum Leben nicht zusammenklauen müssen.“

Erklärtes Ziel eines Strafvollzuges ist doch die Resozialisierung Gefangener?

Genau. Das Strafvollzugsgesetz stellt die Wiedereingliederung in ein straffreies Leben nach der Haftentlassung in den Vordergrund. Aber je weiter man in Deutschlands Süden lebt, desto mehr steht im Gefängnis offenbar die Bestrafung im Vordergrund. So habe ich es konkret erlebt.

Welche Folgen hat das?

Etwa acht bis zehn Prozent der Gefangenen waren nach meiner Beobachtung psychisch krank, müssten sich in psychiatrische Behandlung begeben und gehören eigentlich gar nicht hinter Gittern. Sie wurden nicht einmal von einem Facharzt für Psychiatrie mit Medikamenten richtig eingestellt. Die Auflistung könnte ich noch fortführen, aber das würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. So habe ich den Strafvollzug persönlich erlebt und beobachtet und ich finde das sehr niederschmetternd.

Wie geht es für Sie jetzt beruflich weiter?

Ich habe ein Buch über „Psychologische Krisenbewältigung in zehn Schritten“ verfasst und darin meine beruflichen und privaten Erfahrungen zusammengetragen. Was mir selbst geholfen hat, das kann gewiss auch anderen helfen. Und ich denke, dass ich mit Vorträgen, Seminaren und Coaching anderen Menschen in einer Lebenskrise helfen kann und so ein neues Betätigungsfeld finden werde.

Die ersten öffentlichen Auftritte von Vinzenz Mansmann in Bad Waldsee: Autorenlesung am Donnerstag, 2. Februar, in der Stadtbuchhandlung um 19 Uhr sowie Gast bei Dirk Haselbacher am Samstag, 11. März, beim „Ortsgespräch“ in der Alten Mälze des Grünen Baums um 20 Uhr. Weitere Lesungen in der Region sind in Planung, mehr Infos im Internet unter www.drmansmann.de

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